Ein Interview mit Bill Shannon
In Deutschland fragen sich viele Menschen, ob Sie tatsächlich eine körperliche Behinderung haben oder nicht?
Als ich jung war, litt ich unter dem Legg-Calvé-Perthes-Syndrom. Durch diese Krankheit werden die Knochen deformiert. Seitdem bin ich auf die Unterstützung von Krücken angewiesen, um mich im Alltag fortzubewegen. Ich habe diese Krankheit zwar jetzt nicht mehr – aber ich habe das, was sie zurückgelassen hat. Weil die Krankheit meine Hüftgelenke verformt hat, benutze ich meine Krücken jeden Tag.
Wie haben Sie die Krücken anfangs verwendet?
Ich habe begonnen, an Krücken zu gehen, als ich fünf Jahre alt war. Das bedeutet, ich habe auch mit Krücken gespielt. Als ich sechs war, bin ich schon mit ihnen gerannt und mit sieben habe ich Kunststücke auf den Krücken entwickelt. Mein erster richtiger Auftritt mit Krücken war Anfang der neunziger Jahre. Mit dem professionellen Tanz begann ich 1999 in New York.
Warum tanzen Sie? Wie fühlt sich das für Sie an?
Ich habe schon in meiner Kindheit getanzt, bei uns zu Hause lief immer irgendwo Musik. Sie können sich vorstellen, dass zu diesem Zeitpunkt meine Bewegungen mit den Krücken zweifellos als Stunts durchgegangen wären. Mein körperlicher Zustand ist etwas, das sich auf meine Bewegungen und mein Aussehen auswirkt. Aber wenn ich tanze, stelle ich mir vor, meine Kreativität und meinen Körper zu verwenden.
Manche Leute in Deutschland denken, Sie hätten Rollen unter Ihren Schuhen – aber da sind natürlich keine. Wie funktioniert das?
Die meisten Menschen denken das. Ich habe meine eigene Art entwickelt, mich durch Bewegung auszudrücken ‑ sie heißt „Shannon Technique“. Diese Technik umfasst eine Reihe von Bewegungsabläufen und Körperstellungen in Verbindung mit zwei Krücken für eine Art stromlinienförmigen Tanz. Auch Methoden der Gewichtsverlagerung und das tänzerische Überwinden von Höhenunterschieden gehören zu meiner Technik. Und ich denke, dass das dann so aussieht, als hätte ich Rollen unter meinen Schuhen.
Kann das jeder?
Es gibt viele Menschen, die auf Krücken oder mit einem Skateboard tanzen. Ich habe beides in der „Shannon Technique” vereint.
Sie sind in vielen Ländern schon sehr bekannt, warum haben Sie den Visa Werbespot gemacht?
Im Rahmen des New Directors Showcase ist die Werbeagentur Saatchi & Saatchi auf einen Film von Joey Garfield aufmerksam geworden. Und sie fanden, dass meine Bewegung eine tolle Veranschaulichung von „Flow“ sei. Ich habe in dem Film erzählt und gezeigt, wie ich durch Tanzbewegungen mit meinen Krücken eine eigene Art entwickelt habe, mich auszudrücken. Visa wollte mit dem neuen Spot kommunizieren, dass das Leben mit Visa leichter läuft. Das ist die Kernidee des „Flow“-Themas. Visa hat mich ausgewählt, weil sie finden, dass mein Tanz das Gefühl von Flow vermittelt.
Können Sie auch ohne die Krücken tanzen?
Wie schon gesagt, ich brauche die Krücken jeden Tag, weil meine Krankheit meine Hüftgelenke verformt hat.
